Medien

DAS! | Künstlerin Rud Witt widmet ihr Werk syrischen Kindern

Dokumentationsfilm zur Ausstellung im Gutshof Genzhagen 2020

Aus datenschutzrechlichen Gründen benötigt Vimeo Ihre Einwilligung um geladen zu werden.
Akzeptieren

© Vincent Klüger

Rud Witt lebt und arbeitet in Hamburg

1939 in München geboren, 1945 – 1949 in Berlin-Tempelhof, 1957 Abitur in Kiel

1958 – 1963 Studium der Malerei an der Hochschule f. Bildende Künste Hamburg
Malerei bei Friedensreich Hundertwasser, Francis Bott und René Acht
Textil bei Frau Prof.Hildebrandt

1968 – 1983 Kunsterzieherin in der gymnasialen Oberstufe an verschiedenen Hamburger Schulen

1969 Preis der Justus Brinkmann Gesellschaft,
MKG Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

1977 Bayrischer Staatspreis München

Museum of Contemporary Crafts  New York, USA  “ The Dyers Art “
Veröffentlichung: “ The Dyers Art “ J.L.Larsen

1978 – 1990 Teilnahme an der 1. – 5. Trienale,  Museum Angewandte Kunst in FFM, Grassi- Museum Leipzig, Kestner-Gesellschaft Hannover, Sonje-Art-Museum Kyongju, Südkorea (14 tägige Performance des Nähens)

Museumsankäufe: MKG Hamburg, Kunstgewerbemuseum Berlin, Museum Angewandte Kunst Frankfurt/Main

seit 1980 Färbeaktionen, Installation und Performance in der Landschaft und im öffentlichen Raum

1984/85  Reiseprojekt Australien und Neuseeland (Workshops und Installationen), Einladung  des Goethe Instituts
Videos: 1. Melbourne University, 2. Perth: Philip Pearson, 3. Magic Take : Ilse und Dieter Kakies Hamburg “ Steh auf Nordwind und komm…“ Schnitt: Ulrike Schaz, Sound: VIS -Musik

1986/89 Reiseprojekt in Europa, 27 Rhythmische Reisen zur Europäischen Atlantikküste “ Nachts ist Europa Leer “

1990 Reiseprojekt  Peru und Bolivien, “ Tres Lugares “

LandArt in Nord- und Südamerika (Peru, Ecuador, Bolivien), Australien, Europa, Jordanien, Korea, Japan

seit 2011 Rückkehr zur Malerei

Rede Harald Kother zur Ausstellung Kassiopeia

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Kunstfreunde!

Ich begrüße Sie ganz herzlich im Gutshof Genshagen zur Ausstellung von Rud Witt. Und ich freue mich natürlich, dass Sie alle den Weg hierher gefunden haben.

Die Ausstellung, die sich ja hier auf zwei Orte verteilt – den Kuhstall und die Brennerei – diese Ausstellung ist die umfassendste Präsentation der Arbeiten von Rud Witt, die es je gegeben hat.

Erlauben Sie mir bitte, bevor ich auf die eigentliche Malerei zu sprechen komme, auf ein paar biografische Eckpunkte einzugehen.

Denn die Ausstellung trägt nicht ohne Grund den Titel KASSIOPEIA. Hommage à mon père. 1907 Trebbin. Hommage à mon père – das ist französisch und lässt sich übersetzen mit: Würdigung meines Vaters. Denn Rud Witts Vater wurde nur 15 Kilometer weiter südlich, in Trebbin geboren, also um die Ecke.

Die Künstlerin selbst kam 1939 in München zur Welt. Während der Wirren des Zweiten Weltkriegs zog die Familie jedoch zunächst zurück nach Berlin. Die letzten Kriegsjahre ging es dann für die Kinder ins ruhigere Anklam in Vorpommern.

Anklam liegt jedoch ganz in der Nähe von Swinemünde, das damals über einen großen Marinehafen verfügte. Dieser Marinehafen zog selbstverständlich die Aufmerksamkeit der Alliierten auf sich. Im März 1945 kam es zu einem verheerenden Luftangriff, den man auch von Anklam gut beobachten konnte. Und genau das tat Rud Witt.

Aber das war nicht der einzige Luftangriff, der Rud Witts Leben prägen sollte: Ihr Vater war Meteorologe. Und während der Kriegsjahre hatte er die Aufgabe, Wettervorhersagen für Feindgebiete zu erstellen – und das, bevor der Luftkrieg überhaupt so richtig losging. Eines Tages erhielt er die Aufgabe, den Wetterbericht für die mittelenglische Industriestadt Coventry zu machen. Wozu genau die Luftwaffe diesen Bericht haben wollte, erfuhr er dann am nächsten Morgen aus den Nachrichten. Es war der erste vernichtende Bombenangriff auf eine Stadt während des Zweiten Weltkriegs. Nach allem, was mir Rud erzählt hat, war es für den Vater nicht einfach, mit der Last dieser Verantwortung zu leben.

Mehr will ich zu den Kriegsjahren eigentlich gar nicht sagen. Aber diese Punkte sind wichtig, wenn es darum geht, Rud Witts Malerei zu verstehen.

Nach dem Krieg kam die Familie schließlich nach Norddeutschland. Rud Witt ging zur Schule und nahm das Kunststudium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg auf.  Sie studierte Textil bei Frau Professor Hildebrandt.

Gerade der künstlerische Umgang mit Stoffen sollte sie nachhaltig prägen. Davon legt ja auch diese Ausstellung ein beeindruckendes Zeugnis ab.

Außerdem studierte sie Malerei – und das bei einer der schillerndsten Persönlichkeiten, die die Kunstwelt in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts hervorbrachte. Die Rede ist von Friedensreich Hundertwasser. Rud Witt erlebte Hundertwasser als gütigen, liebevollen und aufrichtigen Lehrer. Leider war diese Lehrzeit viel zu kurz. Denn Hundertwasser hatte es gewagt – gemeinsam mit Bazon Brock und den Studierenden – eine Unendliche Linie über Wände, Türen und Fenster des Klassenzimmers zu malen. Die Linie sollte in die Stadt verlängert werden, sogar quer über die Alster und hinein in die Kunsthalle. Aber dazu kam es nie. Denn schon allein ein bemalter Klassenraum reichte im Jahr 1959 auch in einer Kunstakademie aus, um einen handfesten Skandal auszulösen. Die Hochschulleitung schritt ein und Hundertwasser musste gehen.

Auch wenn die Malerei von Rud Witt und die von Friedensreich Hundertwasser sich deutlich unterscheiden, gibt es doch eine wichtige Gemeinsamkeit: Das ist das klare Bekenntnis zu einem fröhlichen Umgang mit Farbe. Damit gehörten beide jedoch im weiteren Verlauf der Kunstgeschichte zu einer Minderheit. Spätestens Mitte der 60er-Jahre traf dieses Verständnis von Malerei nicht mehr den Zeitgeist. Im Gegenteil: Die Kunstwelt stellte das Wandbild an sich zunehmend in Frage. Aufsehen erregten Environments, Happenings, Aktionen – und nicht herkömmliche Bilder und Skulpturen. Die galten als altmodisch und von gestern.

Es ist daher auch wenig überraschend, dass die meisten Menschen Hundertwasser vor allem wegen seiner Architektur kennen – und sein malerisches Werk im Vergleich dazu eher unbekannt ist. Ich selbst war überrascht von seinen Arbeiten, als ich sie vor einigen Jahren das erste Mal in Wien sehen konnte.

Aber bleiben wir in Deutschland. Gerade hierzulande war schon bald alles regelrecht verdächtig, was ästhetisch als schön anmutet. Kein geringerer als Theodor Adorno lieferte den philosophischen Unterbau für diese Geisteshaltung, als er sagte: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch.“ Möglicherweise hat Adorno das nie so beabsichtigt. Aber alle, denen eine fröhliche und bunte Kunst nicht in den Kram passte, beriefen und berufen sich seit den 1960er-Jahren darauf.

Kunst musste ganz besonders in Deutschland daher nicht nur tiefsinnig und hintergründig sein. Wer Erfolg haben wollte, musste vor allem auch Bilder produzieren, die ästhetisch eher verstörend als schön sind. Und das klassische Wandbild wurde erst wieder rehabilitiert, als es in Grau-, Braun, Rost- und Schwarztönen daher kam.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Während dieser Zeit und in dieser Ästhetik sind zweifellos großartige Arbeiten entstanden. Ich möchte diese in keinem Fall abwerten oder irgendwie in Frage stellen.

Gerade aber für Künstler, und ich sage bewusst Künstler und nicht Gestalter! Für Künstler also, die über ein hochentwickeltes Feingefühl für Farbtöne und –nuancen verfügen, und die das Talent haben, Farbverläufe, Farbkontraste und auch miteinander konkurrierende Farben stimmig aufs Papier zu bringen, waren die vergangenen Jahrzehnte alles andere als einfach. Denn diese Künstler können meist gar nicht anders, als ästhetisch schön zu malen.

Das gilt zweifellos für Rud Witt. Und sie ist beileibe nicht die einzige Künstlerin, die vor allem aus diesem Grund am Kunstmarkt wenig Chancen hatte.

Jedenfalls war Rud Witt gut beraten, sich zunächst zweigleisig aufzustellen. Sie arbeitete viele Jahre als Kunsterzieherin – aber auch gleichzeitig als freischaffende Künstlerin. Nach ihrer Tätigkeit als Kunsterzieherin zog sie durch die Welt. Sie realisierte Land Art Projekte in Europa, Südamerika, Australien, Japan und Jordanien.

Ihre Spezialität war dabei die Arbeit mit Stoffen und Tüchern. Inspiriert wurde sie dazu von Gebetsfahnen im Himalaya, also jenen bunten und etwa handgroßen Farbtüchern, die mit Gebeten beschrieben im Wind flattern. Der Wind nimmt die Gebete auf und trägt sie so zu den Göttern im Himmel. Bedeutung hat jedoch nicht nur das auf den Tüchern geschriebene Wort, sondern auch die jeweilige Farbe. Und da hat es bei Rud Witt „Klick“ gemacht.

Fortan malte sie mit Seidenbahnen – und brachte so Farbe, aber auch Bedeutung, in die Landschaft. Wie eine Nomadin hat sie „ihre“ Seide über Jahre hinweg quer durch die Welt getragen. So entstanden beeindruckende Arbeiten, zum Beispiel auf dem Mont Ventoux bei Avignon. Und manchmal blieb die Seide auch einfach nur im Gepäck, wenn es sich so besser anfühlte, etwa auf den Olgas in Australien.

Nehmen Sie sich unbedingt noch die Zeit für die Dokumentationsvideos dieser Land Art-Projekte!

Gerade die Fragilität des Materials spielt eine zentrale Rolle in diesen Arbeiten. Anders als bei den Verhüllungsarbeiten von Christo sind Wind und Wetter keine Gegner, die den Aufbau oder das fertige Kunstwerk gefährden könnten, sondern Partner. Wenn der Wind die Seide unerwartet verweht, wird der Zufall Teil der Performance – oder macht diese erst möglich. So wie bei den Gebetsfahnen.

Rud Witt arbeitet in dieser Hinsicht sehr prozessorientiert. Und gerade auch die Gemälde haben starken prozesshaften Charakter. Das liegt zum einen daran, dass Rud Witt typischerweise sehr schnell arbeitet. Ein großes, drei Meter breites Bild entsteht manchmal in wenigen Minuten – oder gar Sekunden. Gerade den jüngeren Arbeiten sieht man diese Dynamik gut an. Sie wirken teilweise wie Musik-Partituren für eine moderne Komposition.

Diese Arbeiten sind in freier Natur entstanden – auf Mallorca. Auch hier sind Zufälle willkommen. Immer wieder wird das Papier mit Farbe regelrecht beschleudert. Und auch der Untergrund bestimmt mit, wie die Bilder aussehen. Es ist quasi auch eine Drucktechnik.

Die Arbeiten bleiben dann zum Trocknen auf dem Boden liegen. Wenn unerwartet Regen dazwischen kommt, darf auch dieser einmal mitmalen.

Manche dieser Arbeiten sind schon nach wenigen Arbeitsschritten fertig – sie „sitzen“ also auf Anhieb. Andere werden immer wieder übermalt, bis die Künstlerin zufrieden ist.

Die Arbeitsweise des Drippings, also des Fallen- oder Tropfenlassens der Farbe auf das Papier oder die Leinwand, hat Jackson Pollock in die Kunst eingeführt. Und das Dripping ist mehr als ein ästhetisches Experiment.

Diese Arbeitsweise hat auch eine zentrale inhaltliche Bedeutung – schon bei Pollock, aber erst recht bei Rud Witt. Und jetzt kommen wir wieder zum Anfang zurück, zum Bombardement von Swinemünde und dem Wetterbericht von Coventry.

Das Fallen der Farbe aus heiterem Himmel steht symbolhaft für die Drohnen- und Bombenkriege – von der Zerstörung während des Zweiten Weltkriegs bis hin zu aktuellen Ereignissen zum Beispiel in Syrien.  Rud Witt selbst bezeichnet sich als die Drohne, die einem Bombenabwurf gleich, die Farbe fallen lässt.

Diese Art der Malerei ist für Rud Witt auch ein Weg, mit den Gefühlen umzugehen, die die Kriegs-Erinnerungen und die Kriegs-Bilder aus den Nachrichten auslösen.

Dass dabei unglaublich ausdrucksstarke, farbenfrohe und auch dekorativ wirkende Arbeiten entstehen, ist für Rud Witt kein Widerspruch. Es dürfen und sollen trotz des ernsten Hintergrunds ästhetisch schön anzusehende Arbeiten entstehen – mit all den rhythmischen Linien, harmonischen Flächen und brillanten Farben.

Schließlich ist die Malerei auch ein mögliches Mittel, um der Hässlichkeit der Gewalt etwas entgegenzusetzen. Die dabei entstehenden Bilder können wie Gebetsfahnen wirken. Die Empfänger sind in diesem Fall aber nicht die Götter, sondern wir Menschen.

Und die Botschaft der Bilder an uns lautet: Wir Menschen haben es in der Hand, ob das Hässliche oder das Schöne Oberhand gewinnt. Es liegt an uns, ob wir uns das Leben auf dieser Erde zur Hölle machen – oder eben gerade nicht.

Genau daran kann und soll uns die Kunst jeden Tag aufs Neue erinnern. Gerade einer Kunst kann das gelingen, die zwar einen ernsten Hintergrund hat, die uns aber dennoch beim Betrachten positiv stimmt.

Ich möchte Sie nun dazu einladen, diese positive Kraft, die in Rud Witts Bildern steckt, auf sich wirken zu lassen. Haben Sie ganz herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!